Wir lieben dieses Auto wirklich. Für viele nicht nachvollziehbar, aber diese verrückte, hinterhältige, mistige Dreckskarre ist eben unser momentanes Zuhause, und ohne sie macht der ganze Trip keinen Sinn mehr. Leider verlangt uns der Bus aber wirklich alles ab, ob es nun Schweiß, Frustration oder Geld ist, es scheint ihm irgendwie Spaß zu machen. Und jetzt hat er mal wieder einen passionierten Mechaniker fast zur Verzweiflung gebracht…

Zurück in Santiago de Chile kreuzen wir mit unserer Ersatzteilkiste, die meine Eltern mitgebracht haben, bei Alberto auf. Alberto ist Automechaniker, der seit 30 Jahren mit Vorliebe an T3-Bussen schraubt. Um ihn herum gruppiert sich ein begeisterter T3-Fan-Club, den sein Sohn Pablo betreibt. Perfekte Adresse also. Wir wollen die oberen Achslenkerlager austauschen lassen, einen neuen Hauptbremszylinder einbauen und noch so ein paar „schnelle Nummern“. Allerdings wär’s ja nicht die Dreckskarre, wenn wir nicht noch ein Schmankerl parat hätten… Am Tag vor der Ankunft meiner Eltern ist uns auf der Autobahn der Keilriemen gerissen – einen kurzen Moment zu lange mit Fragezeichen auf der Stirn auf die fehlende Drehzahlanzeige gekuckt und schon hat’s das Kühlwasser aus dem Ausgleichsbehälter gedrückt. Die Notfallmaßnahmen haben’s gerettet, der Bus ist sehr tapfer unsere dreiwöchige Chile-Argentinien-Nordrundtour gefahren. Die Kollateralschäden: kontinuierlicher Qualm, steigender Ölverbrauch, Temperaturprobleme… Selbst produzierter Mist! Alberto geht auf Fehlersuche, wir hoffen auf irgendetwas Banales. Geworden sind’s die Kolbenringe, die haben’s nun hinter sich. Klar, nach ganzen 25000 gefahrenen Kilometern können schon mal neue Kolbenringe fällig sein – ääh… also gut, Motor raus, neue Kolbenringe, neue Zylinderkopfdichtung und viel „tranquillo“ des Chefmechanikers – wir denken positiv. Alberto und Neu-Lehrling Tobi liebkosen jede Schraube, bis das Werk vollbracht ist. Drei Wochen campen wir mitten in der Werkstatt und fast im Wohnzimmer der Familie, und so verabschieden wir uns euphorisch und gleichzeitig ein bißchen wehmütig von allen.
Die ersten fahrenden Kilometer sind wieder anstrengend, jedes kleine Geräusch lässt uns aufzucken, wir analysieren jede Steigung – hat er das vorher nicht besser gemacht? Beim Ausflug ins Wander- und Skigebiet Cajon del Maipo ist es dann aber offensichtlich: wir haben viel zu wenig Power bei Bergfahrten und ziehen immer noch eine dicke schwarze Fahne hinter uns her. Bravo, bedeutet: zurück zu Alberto. Gerade ist Wochenende – wir warten also wieder mal auf den berüchtigten Mechaniker-Montag (Zitat: Birgit!).
Wieder in der Werkstatt lächelt uns Alberto (noch) entgegen, die zwei nervösen Alemanes sind wieder da. Beim Anlassen sieht er es dann aber auch: „mucho, mucho aceite“ sagt er immer wieder und schüttelt den Kopf, zu Deutsch, der Bus spuckt uns munter aus dem Auspuff Öl entgegen. Nächste Diagnose: es muss am Turbolader liegen. Also kommt der Turbo raus, ab damit zum Turbo-Spezialisten, nach drei Tagen ist er revidiert, wieder eingebaut – ratet mal, was jetzt kommt? Jackpoint, immer noch Öl. Der Turboinstandsetzer revidiert nochmal, weiß letztendlich auch nicht weiter, der nächste Verdacht liegt beim Öldruck. Laut Messung ist der grenzwertig. Nach dem Ausschlussverfahren bleibt also nur noch die Diagnose, dass die Ölpumpe kaputt ist – reparieren funktioniert nicht, und genau die Pumpe gibt es selbstverständlich hier nicht zu kaufen. Also bestellen wir in Deutschland ein schönes Paket, und hoffen, dass der Zoll unsere Ersatzteile nicht allzu lange behält und wir schleunigst weitermachen können. Und damit uns nicht weiter die Decke auf den Kopf fällt, verordnen wir unseren deprimierten Gemütern für die Wartezeit einen kleinen Reha-Urlaub auf der Osterinsel.
Nach zwei Wochen und mittlerweile insgesamt 6 Wochen in Santiago (!) kommt die Ölpumpe dann tatsächlich an, hochmotiviert wird alles wieder eingebaut, gesäubert, abends stehen wir dann erwartungsvoll vor dem Motor. Als wir ihn anlassen, lässt sich die Stimmung gar nicht beschreiben. Jeder Funke Motivation, Mut, Lust auf’s Reisen, der gerade noch vorhanden war, ist irgendwo in dem Ölgespritze ertrunken. Es hat sich rein gar nichts geändert. Öl spritzt weiter, Öldruck ist der gleiche, unsere Stimmung kurz vor’m Platzen. Veräppelt uns da jemand? Vielleicht bilden wir uns das ja alles nur ein? Da sind sie dann auch schon, die ersten Gedanken über Rückverschiffung. Raus aus dem Kopf! Einen Versuch kriegt er noch, der Bus. Es wird nochmal alles überprüft, gejammert, getüftelt. Unsere Familien sitzen zuhause wohl ebenso angespannt und warten auf den täglichen News-Anruf per Skype. Die umliegenden Minimercados kennen uns schon und erkundigen sich beim täglichen Brotkauf nach dem Status unseres Autos. Die Wäscherei um’s Eck verabschiedet sich bei jeder Wäschefuhre schon mit „Bis nächstes Mal“.

Alberto hat dann eine andere Ölpumpe da, die platztechnisch zwar nicht in unseren Motorraum passt, aber für einen Vergleichstest taugt sie. Und siehe da, mit dieser Pumpe funktioniert alles, Öldruck passt, kein Ölgespritze mehr, warum auch immer, wir verstehen es nicht. Ganz nach südamerikanischer Bastelmanier wird nun gesägt, geschweißt und aus dieser Pumpe einfach eine passende gemacht – es funktioniert. Funktioniert! Nach einigen Testfahrten beschließen wir (psychosomatisch), dass jetzt einfach alles super ist, putzen und packen hochmotiviert und sehen zu, dass wir nach mittlerweile 8 Wochen raus aus Santiago kommen. Wir haben uns hier wirklich in Geduld und Positiv-Denken geübt, unzählige Hefeteigrezepte ausprobiert, sämtliche Dokumentationen der ARD-Mediathek aufgesogen und hemmungslos das Internetdatenvolumen der Familie geleert – es ist echt Zeit, weiterzufahren!!! Und wir fahren extrem erleichtert mit offensichtlich jetzt wirklich schnurrendem Bus Richtung Norden! Yeah!
Wir wollen wieder nach San Pedro de Atacama, Freunde treffen, und von dort dann ab nach Bolivien. Und wir kommen auch wirklich gut dort an, erleichtert, müde und gleichzeitig ziemlich motiviert – vamos a Bolivia!