Im Geländegang schleichen wir nach oben, trotzdem fängt der Bus das Stottern an. Die Straße ist zu steil, er schafft es nicht, wir müssen rückwärts rollen und in eine Querstraße einschlagen. Rückwärts rollen ist aber genauso schwierig, die Bremsen schaffen es nicht, den Bus zu halten, er schlittert auf allen Vieren zurück. Zum Glück ist keiner hinter uns! Mit solchen Straßen haben wir eigentlich erst in La Paz gerechnet. Wir sind aber erst in Potosi angekommen, mit 4065 Höhenmetern die höchstgelegene Großstadt der Welt. Die staubige Stadt mit ihrem netten, kolonialen Stadtkern verdankt ihre Existenz und Lage den reichen Silbervorkommen des Cerro Rico, der 4829 Meter hohe „Heilige Berg“ Potosis. Seit dem 16. Jahrhundert wurde und wird hier unter unmenschlichen Bedingungen Silber abgebaut, unzählige Arbeiter haben hier schon ihr Leben gelassen. Früher brauchte man nur einer Ader in den Berg zu folgen, um das Silber abzubauen, heutzutage sind die Silbervorkommen zum großen Teil erschöpft. Die Arbeiter sprengen den Berg von innen, um Gesteinsbrocken mit feinen Sprenkeln von Silber, Zinn und Zink abzutransportieren. Wir buchen in Potosi eine Tour, die von ehemaligen Bergarbeitern geleitet wird, sie zeigen uns die Werkstätten und führen uns einige hundert Meter tief in die Schächte hinein. Der Berg gleicht innen einem Schweizer Käse. Die Schächte laufen von allen Seiten ausgehend in mehreren Etagen. Ein paar diffuse Holzbalken zur Abstützung der Kanäle und die ständig auftauchenden Verbindungslöcher von oberen zu unteren Kanälen geben uns irgendwie kein Sicherheitsgefühl. Wir schwitzen und atmen schwer, während wir uns teilweise kriechend dort drin fortbewegen. Die Luft ist dünn – wir sind immerhin auf weit über 4000 Metern – und extrem staubig. Die Temperaturen tief im Berg liegen bei 35 Grad. Die Arbeiter, die wir treffen, schlagen mit Hammer und Meisel Löcher in die Wände, stopfen Dynamitstangen hinein und transportieren die Brocken nach der Sprengung dann ab. Wer schon länger dort gute Arbeit leistet, hat einen Loren-Wagen zum Abtransport, die Neulinge haben nur Säcke. Das Dynamit kann man übrigens auf dem Markt in Potosi erwerben, für umgerechnet 4 Euro gibt’s dort ein Paket mit Dynamitstange und Ammonium-irgendwas als Sprengstoffverstärker – wir denken kurz drüber nach, nur für den Fall, dass uns die Dreckskarre mal wieder nervt, investieren das Geld dann aber doch lieber in Koka-Blätter und Erfrischungsgetränke als Geschenke für die Bergarbeiter.

Im Berg treffen wir auf den „Diablo“, die Götze der Arbeiter. Die Teufelsfigur in Übergröße wird wöchentlich mit Zigaretten, Knochen und sonstigem Kram gefüttert, um für eine gewinnreiche Arbeitswoche zu beten. Das Geschlechtsteil der Konfektionsgröße Zuchthengst lässt wohl noch auf andere Wünsche schließen. Dann noch ein Schluck 96%iger Alkohol und dann beginnt für die Männer ein neuer 8-Stunden-Tag in Dunkelheit und Staub…

Die Bergleute verdienen relativ gut, das Durchschnittseinkommen eines Bolivianers liegt bei ungefähr 250 Euro, ein Bergarbeiter bekommt fast das Doppelte. Dieses Gehalt bezahlen die Männer aber mit sehr schwerer körperlicher Arbeit und einer früheren Sterblichkeit aufgrund der Staublunge oder anderer Erkrankungen.

Nach dieser interessanten, aber irgendwie auch bedrückenden Tour geht’s für uns weiter Richtung Osten. Wir machen einen Zwischenstopp in Sucre und sind begeistert vom weißen, aufgeräumten und ausnahmsweise mal nicht staubigen Städtchen. Wir lernen deutsche Motorradfahrer kennen und verlängern unseren Stadtaufenthalt gemäß EM-Spielplan. Die Spiele werden hier auch übertragen, die Bolivianer sind genauso fußballverrückt. Nach leider vergeblichem Anfeuern verlassen wir Sucre und auch die Hauptstraßen und nehmen abseits gelegene Pisten hinunter ins Tiefland. Wir lassen uns mal wieder einige Tage ordentlich einstauben und fahren durch einsame Bergdörfer, nehmen kuriose Fähren und erreichen über viele lohnenswerte Umwege die Che Guevara-Pilgerregion Vallegrande und Samaipata. Wir sind froh, dass wir uns mittlerweile so einigermaßen in Spanisch unterhalten können, denn die Menschen hier sind wahnsinnig freundlich, interessiert und hilfsbereit. Selbst die nervende Tankerei in Bolivien funktioniert hier im Hinterland problemlos. Diesel und Benzin sind nämlich staatlich subventioniert, daher gibt es einen einen Preis für Einheimische und einen mehr als doppelt so teuren Preis für ausländische Fahrzeuge – umgerechnet kostet uns der Liter Diesel hier eigentlich 1,20 Euro! Viele Tankstellenmitarbeiter sind aber so nett, dass sie Ausländern den bolivianischen Preis verkaufen, vorausgesetzt, das Auto parkt einige Meter entfernt (außerhalb des Sichtbereichs der Überwachungskamera) und man holt sich den Diesel per Kanister. Und so müssen wir für’s Tanken eben ein wenig schleppen, no problema…

Nach der Kälte im Hochland freuen wir uns über die 30 Grad, allerdings sind wir auch schon nach wenigen Stunden unglaublich genervt von den Moskitos – ja, man kann eben nicht alles haben! Auch das andere Reise-Wehwehchen hat uns zum ersten Mal erfasst: zumindest mich haben die Colis oder ihre Kumpanen nach einem Restaurantbesuch ziemlich fies erwischt, das zwingt uns zu Diät und ein paar Ruhetagen. Und auch für den Bus gibt’s mal wieder ein erstes Mal: es ist Zeit, das Bergeequipment auszuprobieren! Goldene Regel der täglichen Stellplatzsuche, die mit Sicherheit alle Fahrzeugreisenden unterschreiben würden: suche niemals, wirklich NIEMALS, einen Übernachtungsplatz, wenn es dunkel ist, beide Insassen hungrig und müde sind, und keine Schokolade greifbar ist! Da ist das Reizpotential aller Beteiligten extrem hoch!!! Wenn man dann beim Rückwärts-Rangieren noch einen Graben übersieht und der Bus das vordere Pfötchen um einen halben Meter hebt, dann wird die Sache noch ein wenig brenzliger… Es gibt leider kein Foto vom Anfangs-Zustand – ja, Tobi, ich hab als Fotografin kläglich versagt, aber ich war eben im Panik-Modus! Für mich sah das nämlich so aus, als würde der Bus jeden Moment umkippen – ehrlich, ich schwör! Meine bevorzugte Notlösung, ins Dorf zu laufen und ein Fahrzeug für’s Herausziehen zu organisieren, kommt für den technischen Chef von uns beiden aber nicht infrage, jetzt wird der Greifzug eingeweiht, der (einzig vorhandene) Stein da drüben wird’s schon halten. Und tatsächlich, mit ordentlich Adrenalin, Zug, Schaufeln und Sandblechen geht der Plan auf, der Bus steht wieder auf allen Vieren. Erste Selbst-Rettung – check!

Einer der größten Fehler, die man in Bolivien begehen kann? Ohne funktionierende Hupe im Großstadt-Straßenverkehr teilnehmen zu wollen. Haben wir gemacht. Hat auch viel Aggressionspotential. So freundlich die Bolivianer sonst auch sind, setzt man sie in ein Auto im Stadtverkehr, werden sie zu rasenden Mutanten. Für die bolivianische Führerscheinprüfung braucht man mit Sicherheit keinen Blinker, aggressives Einscheren und andauerndes Hupen reicht aus. Oder vielleicht reicht ja für den Führerschein auch ein 50-Bolivanos-Scheinchen, das man über den Tresen wandern lässt. Viele Polizisten zumindest stehen darauf. Wir passieren hier, vor allem auf den Straßen in Richtung Brasilien, sehr viele Polizeikontrollen. Viele davon wollen für angeblich „wichtige Registrierungen“ eine Gebühr, wir bleiben einfach immer freundlich, hinterfragen die Kontrollen lange und verlangen immer ein Quittung. So haben wir bisher ziemliches Glück, hören aber von anderen Reisenden immer wieder von weiteren korrupten Polizeistationen.

In Santa Cruz versuchen wir, einige Dinge zu besorgen, das Verkehrschaos nimmt uns mal wieder die Lust auf Großstädte. Die Nächte verbringen wir bei Sergio, einem Deutsch-Bolivianer, der ein Freiluftrestaurant mit Camping betreibt. Das Fleisch ist (leider) eine Wucht, damit ist dann auch schon wieder Schluss mit der Schonkost für Kranke… Für Tobi gibt’s dann sogar noch deutsche Schweinshax’n mit Spätzle und Sauerkraut, Sergio gibt uns noch eine Packung Weißwürste mit auf den Weg und schon ist ein Stück Heimatgefühl wieder da – Schäufele, wann sehen wir dich wohl wieder…?