In Bolivien haben wir uns ein klitzekleines bißchen verliebt! Die freundlichen Menschen, die steilen Sträßchen, die pummeligen Marktfrauen mit ihren bunten dreischichtigen Röcken und den Bowler-Hüten… Unser 90-Tage-Visum haben wir gut ausgenutzt, 10 Tage hätten wir jetzt noch übrig. Aber es wird Zeit für Neues! Oder zumindest Ähnliches – die wunderschönen Berge und das spektakuläre Hochland des Altiplano sollen uns ja auch noch in Peru begleiten…
Die Weiterfahrt nach Peru führt uns über den bolivianischen Teil des Titicaca-Sees, das Pilgerstädtchen Copacabana und die Inka-Insel Isla del Sol. Von der Sonneninsel sollen die göttlichen Kinder des Schöpfergottes Viracocha aufgebrochen sein, um in Cusco das inkaische Weltreich zu gründen. Zu Inka-Zeiten war die Insel sowie das Küstenstädtchen Copacabana zur „heiligen Sperrzone“ erklärt worden. Noch heute kann man die übriggebliebenen Ruinen auf der Insel abwandern, oder zumindest die Steinhaufen, die die spanischen Eroberer nach Niedermetzelung der Inkaherrscher nicht für ihre pompösen Kirchenbauten benötigt haben. Die Insel und der Ort Copacabana haben sich zur beliebten Pilger- und Touristenregion gemausert. Der Priester des Ortes bietet sogar einen besonderen Service an: Fast täglich segnet er mit Weihwasser, viel Schnaps und Knallkörpern LKWs und andere Autos, um sie für ein Jahr von Unfällen und Pannen zu verschonen – die sogenannte „bolivianische Autoversicherung“. Als wir ankommen, hat er wohl leider schon Feierabend – vielleicht wär so eine Segnung endlich die Lösung für unseren Bus gewesen…?
Das kristallblaue Wasser und die vielen Inselchen des riesigen Titicaca-Sees versetzen einen irgendwie ans griechische Meer. Die Touristenabzocke auf der Sonneninsel holt uns aber gleich wieder zurück. Es gibt selbst für südamerikanische Verhältnisse unwürdige Toiletten, barsche Guides, jeder Wegemeter kostet extra und der wagemutige Versuch, ein Lama zu fotografieren, wird gleich von einem äußerst forschen Kind unterdrückt. Fotos von Lamas kosten nämlich naturgemäß auch extra. Schnell weg, nicht dass wir uns noch unseren tollen Eindruck vom unberührten Bolivien in den letzten Stunden hier vermiesen lassen! Also geht’s nach einer gegrillten Forelle aus der berühmten Massenzucht in Copacabana mit Blick auf idyllisch geparkte Reisebusse gleich abends noch Richtung Grenze.

Die bolivianische Ausreise geht schnell, wenn auch etwas holprig. Ich habe nämlich diesen wahnsinnig wichtigen, kleinen Immigrationszettel verloren. Zudem verrechnet sich der Beamte noch ein wenig und unterstellt uns kurz, dass wir uns seit 40 Tagen illegal in Bolivien aufhalten würden, und ohne Punkt und Komma weiß er auch gleich, dass das nun knappe 400 US-Dollar kostet. Wir erklären ihm erst nochmal unsere Unterlagen, ist demnach alles in Ordnung, nur für das verschlampte Zettelchen sind’s dann jetzt eben noch umgerechnet 20 US-Dollar. Wir handeln uns herunter – die offiziellen Regierungstarife sind eben doch ein wenig flexibel – und lassen ihm unsere restlichen Bolivianos im Wert von 7 Euro da. Die peruanische Grenze wird dann auch gleich unterhaltsam. Immigration geht fix wie noch nie, es ist schließlich Feierabendzeit. An der Zollstelle stehen wir dann vor dem allseits beliebten Problem aller Fahrzeugreisenden: Peru verlangt wie viele andere Länder eine obligatorische Haftpflichtversicherung für die Fahrzeuge. Bisher hatten wir eine für die Mercosur-Staaten, Peru jedoch ist nicht mehr inbegriffen. Normal ist es möglich, solch eine Versicherung direkt an der Grenze abzuschließen, das Büro genau an dieser Grenze hier gibt es aber nicht mehr. Vor Einreise das Papier zu bekommen, funktioniert gerade auch nicht, da da zuständige Büro in La Paz zur Zeit geschlossen ist, warum auch immer. Also versuchen wir’s eben so, mit dem Versprechen, bei der nächsten Möglichkeit in Puno (120 km entfernt) eine Versicherung abzuschließen. Die Zollbeamten beharren natürlich schelmisch grinsend darauf, dass wir ohne den Wisch das Fahrzeug nicht einführen dürften. Klar, wir würden ja gerne einen Wisch kaufen, aber wo? Wieder grinsen sie, und da kommt dann auch schon die Lösung: sie würden uns wirklich waaahnsinnig gerne helfen, aber dafür bräuchten sie selbstverständlich ein kleines Trinkgeld! Da wir weder bolivianisches noch peruanisches Geld haben, bieten wir ihnen eben Bierdosen an. Der Vorschlag kommt super an, und so verbringen wir noch eine recht nette Stunde im von Stromausfällen geplagten Zollbüro und dürfen mit Zollpapieren und einer selbst gemalten Übersichtskarte der Sehenswürdigkeiten von Peru dann die Grenze passieren. Guter Einstieg!

In Peru fahren wir schnurstracks nach Puno am Titicaca-See. Wir treffen dort die LandRover-Brasileros wieder. Sie haben einen Kontakt zu Marcos, einem Tierarzt, der eine Privatschule für 3- bis 12-Jährige betreibt und aus purer Freude heraus gerne Reisende wie uns aufnimmt, sie bei sich auf dem Gelände und in seinem Haus übernachten lässt, rund um die Uhr bewirtet und in peruanische Traditionen und Alltagsleben einblicken lässt. Wir sind peinlich berührt, die Familie bekocht uns und plaudert aus dem Nähkästchen. Sie nehmen uns mit zu den Chullpas, Grabtürme aus präinkaischen Zeiten, in denen die Hochlandvölker verstorbene hochrangige Persönlichkeiten mitsamt ihrer Familie und Diener eingemauert haben. In den Überresten dieser Türme hält Marcos für uns und seine Familie eine kleine Zeremonie ab, nach indigener Tradition werden der Pachamama (Mutter Erde) süße bunte Bonbons, Koka-Blätter und Pisco geopfert.

Im sonst sehr ärmlichen Puno haben die staatlichen Schulen wohl keinen sehr guten Ruf, wer es sich leisten kann, schickt seine Kinder auf eine Privatschule. Und die Atmosphäre hier macht wirklich Eindruck, die Kinder sind wahnsinnig weltoffen und sie verstehen vor allem viel von Autos! Sie sind es wohl gewohnt, alle paar Wochen neue Overlander mit Fahrzeugen kennenzulernen. Es dauert keine fünf Minuten, da stellen wir neue Rekorde mit unseren Autos auf, wieviele 6-Jährige passen wohl in einen VW-Bus?

Nach diesem wahnsinnig gastfreundlichen Ausflug steht jetzt Cusco auf dem Programm. Die Stadt war der Mittelpunkt des Inkareichs (ca. 1250 – 1533 n.Chr.), von hier aus erstreckte sich das Herrschaftsgebiet der Inkas in vier Himmelsrichtungen, mit Ausdehnung bis nach Chile und Ecuador. Die Inkas haben in kurzer Zeit ein beachtliches Gebiet in Besitz genommen. Die Produktivität ihrer Landwirtschaft war enorm, ihr Straßennetz sehr gut ausgebaut und die Architektur ihrer Gebäude war beachtlich. Die Steine für die Bauten waren von den Steinmetzen so exakt konstruiert, dass kein Mörtel nötig war, allein durch die Passform und die Verwendung von Zapfen erreichten sie eine hohe Stabilität der Gebäude, sie hielten selbst Erdbeben stand. Die Ankunft der Spanier und die Ermordung des letzten Inkaherrschers 1572 war das Ende des Inkareichs. Diese Hinrichtung war übrigens sehr beispielhaft für die damalige Grausamkeit: Man versuchte, ihn zu vierteilen, was leider nicht funktioniert hat. Daraufhin hat man ihn, nachdem er die Hinrichtung seiner Frau und Kinder ansehen musste, einfach geköpft. Brrr… Fortan wurden die Tempel der Inkas von den Spaniern abgetragen, die Schätze geraubt und die Steine für den Bau von katholischen Kirchen verwendet. Beim Betrachten der landwirtschaftlichen Terrassensysteme oder anderer genialer architektonischer Systeme der Inkas fragt man sich manchmal, wie Südamerika heute aussehen würde, hätten die Spanier kein Schießpulver zur Verfügung gehabt. Heute kann man in Cusco zahlreiche inkaische Fundamente mit kolonialen Kirchen oben drauf besichtigen. Um Cusco herum gibt es zahlreiche „Steinhaufen“, Ruinen über Ruinen und nochmal Ruinen können besucht werden.

Wir verbringen ein paar entspannte Tage in Cusco, die Stadt hat eine sehr schöne Altstadt, zahlreiche kleine Gäßchen und koloniale Bauten. Wir genießen auch den ziemlich touristischen Flair, die guten Restaurants und den Öko-Vegan-Bio-Organic-Trend – Auffüllen der Glutenfrei-Reserven!

Viele „Steinhaufen“ weiter erreichen wir das Highlight in der Umgebung Cuscos: den Macchu Pichu! Einfach Hinfahren, Parken und Hineinspazieren ist da nicht möglich, die Ruine liegt sagenumwoben versteckt auf einem Hügel, und es gibt keine offiziell befahrbare Straße dorthin. Die Organisation des Besuchs bedarf also einiger Entscheidungen und ein wenig Budget: Sollen wir MP zum Sonnenaufgang gemeinsam mit 1500 anderen besteigen? Müssen wir dazu im Macchu Pichu-Dorf übernachten? Sollen wir den Zug ab Ollantaytambo oder ab Hidroelectrica nehmen? Sollen wir wirklich mindestens 130 US-Dollar pro Person für die Zugfahrt ausgeben?? Tobi nörgelt schon seit Wochen über das bevorstehende „Macchu Pichu“-Debakel, „so viel Geld und Aufwand für noch ein paar Steine!“. Mein Vorschlag, ich geh einfach allein, so ersparen wir uns die Hälfte des Geldes und vor allem sein kontinuierliches „Ich hasse Touristen-Genörgel“, gefällt ihm aber dann auch nicht. Und so bringt uns sein fränkisch-negatives Gemecker immerhin aber zur wohl günstigsten Lösung: wir verzichten einfach auf sämtliche Transportmittel und Übernachtungen und laufen alles – 34 km inklusive Höhenmeter und Besichtigung der Ruinen an einem Tag, das alles für 27,08 Euro statt der wohl durchschnittlichen 200 Euro pro Person. Das würden wir mal Low-Budget-Travelling nennen! Das gesparte Geld könnten wir ja dann vielleicht wieder in ein Restaurant investieren…?!?

Aber mal zum wirklich wichtigen Punkt: Macchu Pichu ist spektakulär! Die Ruine liegt sensationell auf einer Senke zwischen zwei Berggipfeln, hier war sie lange vor Entdeckern und Eroberern versteckt geblieben. Zusammen mit den vielen Theorien um ihre Entstehung und ihren Zweck macht sie das zu einem sehr mystischen Ort. Definitiv eine Reise wert!