Viermal haben wir den Grenzübergang Huaquillas nach Ecuador bereits passiert. Und viermal ist das Computersystem ausgefallen. Heute scheint es zu funktionieren, an der Migration geht’s ungewohnt zügig zu. Bis wir an der Reihe sind. Die ecuadorianischen Beamten erklären uns, dass wir nur noch wenige Tage unseres 90 Tage-Kontingents für Ecuador übrig hätten. Stimmt nicht, da haben uns die Beamten bei unserer Ausreise nach Deutschland wohl im System nicht ausgestempelt. Bis die fluchenden Beamten den Fehler im Computer korrigieren, gibt’s dann eben doch wieder Verzögerungen für alle Wartenden…

Weiter geht’s zum Zoll, wir sind schon gespannt. Während unserer Reise nach Deutschland mussten wir für den Bus beim peruanischen Zoll eine sogenannte „Suspension“ beantragen, da Tobi als Fahrzeughalter das Land eigentlich nur mit Fahrzeug verlassen darf. Das Auto wurde quasi auf dem Campingplatz für unsere Abwesenheit „stillgelegt“ und durfte nicht bewegt werden. Bei Rückkehr haben wir die Aufhebung der Suspension beantragt, telefonisch hieß es “kein Problem, ihr dürft jetzt einfach wieder weiterfahren“. An der Grenze dürfen wir das dann aber doch nicht. Das Auto ist immer noch suspendiert, darf eigentlich nicht bewegt werden. Da müssten wir jetzt wieder zurück zu einer anderen Zollstelle, im System sei da nämlich nix drin. Ach, echt? Also düsen wir wieder ein paar Kilometer zurück, finden tatsächlich einen zuständigen Beamten, der einige Zeit schweigend seinen Computer bearbeitet und uns dann ein paar Zettel entgegenhält. Fertig! Die müsse jetzt nur noch der Chef unterschreiben. Der Chef ist nur gerade los, um Essen zu besorgen. Also warten wir. Nach 45 Minuten kehrt er entspannt zurück, setzt lächelnd sein Kürzel darunter. Fertig! Nur, den Ausreisestempel, den hat er jetzt nicht hier. Aber den bräuchten wir. Den gäb’s dann wieder auf der anderen Stelle. Also wieder rüber. Tobi drückt leicht angesäuert auf’s Gas und rauscht am winkenden Kontrollposten vorbei. Ich winke immerhin noch lächelnd zurück, interpretiere sein Herauswinken einfach als freundlichen Gruß. Den Ausreisestempel kriegen wir dann auch noch, jetzt fehlt uns noch der ecuadorianische Zoll zum Einreiseglück. Hier kommen wir dann tatsächlich schneller zum Ziel, der Beamte, der inmitten eines Pulks von Einheimischen sämtliche Beschimpfungen über sich ergehen lassen muss, weil sie wohl für den Warenimport zahlen sollen, aber nicht möchten, freut sich über die freundliche Abwechslung zweier schwitzender Gringos. Vier Stunden Grenzformalitäten, und schon sind wir da – hallo Ecuador!

Auf engem Raum beherbergt dieses kleine Land eine unglaubliche Vielfalt. Im Prinzip können Besucher an einem Tag das Küstentiefland, die andine Bergwelt und das östliche Amazonasgebiet durchkreuzen. Wir steuern zunächst durch das koloniale Cuenca, finden endlich herrlichen Kaffee und liebäugeln mit einem Panama-Hut. Ecuador ist übrigens das eigentliche Produktionsland der berühmten Hüte. Das Material stammt nämlich von der Toquilla-Palme, die ausschließlich in den Küstenregionen Ecuadors wächst und gedeiht. Aufwendig werden die Palmenwedel dort geerntet und vorbereitet und von Webern hauptsächlich in der Region um Cuenca zu Hüten geflochten. Die Spanier haben die Hüte im 19. Jahrhundert nach Panama gebracht, die dortigen Arbeiter am Panama-Kanal waren froh um den praktischen Sonnenschutz. Geschäftstüchtig hat man schnell den Wert dieser Hüte erkannt und von Panama aus nach Europa, Asien und in die USA exportiert – geboren war der Panama-Hut. Die teuren, sehr fein gewebten Superfinos sind sogar wasserdicht und passen angeblich zusammengerollt durch einen Fingerring…!

Die Ecuadorianer sind wahnsinnig offen, wir sind bisher noch nie so oft fotografiert worden wie in unseren ersten Tagen in Ecuador. Sie durchlöchern uns mit Fragen, „was kostet die Reise?“, „was kostet der Bus?“, „Warum habt ihr noch keine Kinder??“

Nur der ecuadorianische Fachmann für’s Einstellen der Spur mag uns wohl ein wenig veräppeln, er schließt seine Sonden und seinen Messcomputer an, misst dann aber südamerikanisch-präzise mit einem flexiblen Maßband einfach die Reifenabstände und stellt danach die Spur ein… Dass der Bus bei der Testfahrt aber dann deutlichst nicht geradeaus fährt, wundert ihn doch sehr…

Auf der Fahrt durch die Berge – die wir leider im Wolkenbett nur erahnen können – lesen wir immer wieder von Entwicklungsprojekten, europäischen Schulprojekten, ehemals ärmlichen Kommunen, die jetzt gut von Ökotourismus leben oder Käsespezialitäten exportieren. Irgendwie bekommen wir den Eindruck, dass hier bereits viel geschafft wurde, das kleine Land ist an allen Ecken kultiviert, das Ausland hat viel Hilfe geleistet. Da fehlt uns natürlich das Fachwissen, aber aus unserer Sicht ist Ecuador wesentlich weiter entwickelt als Peru oder Bolivien. Ins Straßensystem wird hier offensichtlich ziemlich investiert, wir düsen über asphaltierte Straßen und tun uns recht schwer, einsame, dreckige Pisten zu finden.

In der Westkordillere der ecuadorianischen Anden protzt der Herausforderer des Mount Everest: Der Chimborazo mit seinen 6310 Metern ist der eigentliche Gewinner – seine Spitze ist vom Erdmittelpunkt aus gemessen die höchste Erhebung unseres nicht ganz kugelförmigen Planeten. Leider gelingt uns auch von ihm keine Fotografie, wir umfahren ihn zwei Tage lang, aber er hüllt sich dauerhaft in ein Wolkenmeer. Bei der Rückfahrt vom Basislager des Chimborazo meldet sich dann der Bus mal wieder mit grellblauem Rauchen zu Wort. Tobi schlüpft gewohnterweise auf 4200 Metern in seine Werkstattkluft und krabbelt unter die Dreckskarre, legt die Kurbelgehäuseentlüftung ökologisch fachgerecht nach außen und schon ist’s weg. Ob’s die Lösung war – wir werden sehen!

Schnurstracks geben wir Gas Richtung Oriente, der amazonasnahen Region Ecuadors. Morgens noch stapfen wir im Schnee, abends kaufen wir Mangos am Straßenrand und blicken auf das diesige, saftgrüne Tal um Baños. Nach einer regenreichen Nacht erwachen wir mit nassem Bettlaken. Die alte Plane des Aufstelldachs ist aus ihrer Befestigung gerutscht, wir haben an der Fahrzeughinterseite ein Leck. Zum Glück haben wir ja mittlerweile gelernt, wie man so ein Zeltdach reparieren kann! Während unsere Klebearbeiten trocknen, schaukeln wir über dem Tal an den berühmten „Swings at the end of the world“ (Link)…

Wir fahren an unzähligen Wasserfällen vorbei Richtung Osten – wir haben nämlich von einer Aufzuchtstation für Tapire gelesen, da wollen wir hin. Tobi möchte unbedingt einmal einen anderen Tapir sehen als den Schabrackentapir im Nürnberger Zoo! Während wir Ausschau nach der Station halten, ertönt ein dumpfes „Klong“ von hinten. Der Bus wirft jetzt also Balast ab. Aus uns bis heute unerfindlichen Gründen hat sich der zum Kiteboardhalter umgebaute Fahrradständer verabschiedet. Das Tapir-Refugium scheint es nicht mehr zu geben, und so heißt es Reparieren statt Tapire füttern. Immerhin landen wir so eher zufällig in einer weiteren Auffangstation für bedrohte Tiere, die als Haustiere missbraucht oder vom Schwarzmarkt gerettet wurden. Einrichtungen wie diese gibt es viele in der Gegend, meist finanziert und betrieben von Spenden und Freiwilligen.

Weg von den Moskitos, zurück ins Hochland! Auf knapp 4000 Metern wird nochmal um die Laguna de Quilotoa herumgeschnauft und Höhenluft genossen. Nachmittags sitzen wir mit Muskelkater im Auto und freuen uns lachend, dass die Dreckskarre nach den Debakeln der letzten Tage heute noch gar nicht gemuckt hat. Mittlerweile wette ich, dass dieses Auto Ohren hat. Es dauert keine zehn Minuten, da reißt der Keilriemen. Ja, ich weiß, du bist beleidigt, dass wir dich so lange allein in Peru haben stehen lassen. Ist schon ok, Tobi hat die Drecksklamotten schon an, er liegt schon resigniert auf der sandigen Bergstraße und kümmert sich um dich. Sonst noch was? Vielleicht gleich noch ein wenig vom Öl, das du doch so gern hast? Der Weg ist das Ziel, oder so ähnlich…

Den Vulkan Cotopaxi bekommen wir genausowenig zu Gesicht wie den Rest, bei Dauerregen rauschen wir nach Quito. Wir spazieren durch die hübsche Altstadt, probieren traditionellen Ziegeneintopf und decken uns mit Salami, Kasseler und Käse ein – richtigem Käse!!! Und so verbringen wir die Abende mit den Schweizern Andres und Erika bei deftiger Brotzeit und Rum auf dem Hostal-Campingplatz des 86jährigen Auswanderers Gerd (Hostal Zentrum).

Nach ein wenig zärtlicher Wartung am Bus wollen wir raus aus Quito, ab nach Norden. Wir verquatschen uns noch ein wenig am Campingplatz und fluchen über das lästige Piepen im Hintergrund. Diese dämlichen Alarme und Rückwärtsfahrsignale der Autos hier nerven wirklich. Eine Stunde später steigen wir ins Auto, bei Betätigen der Zündung ertönt das nervtötende Gepiepse eine Oktave höher. Ääh, ist wohl unser Auto, perdon… Interessant, beim Öffnen des Handschuhfachs ist das Piepen beendet. Eine lockere Quetschverbindung ist die Ursache, das war ja einfach, diesmal…!

Ecuador heißt ja nicht umsonst Ecuador. Wir können hier wieder die Nordhalbkugel beschreiten. Endlich wieder zuhause! An der „Linie“ lassen sich witzige Spielchen machen, wir besuchen das empfehlenswerte Museum „Inti Ñan“ und lassen uns zeigen, wie Wasser auf Nord- und Südhalbkugel in unterschiedlichen Sprudeln abläuft. Das gerade Gehen direkt auf der Äquatorlinie erweist sich als äußerst wackelig, dafür kann man hier ein Ei auf einen Nagel stellen!

Das war schon unsere kurze Reise durch Ecuador, ein unglaublich vielfältiges Land. In unserem Reiseplan hat es nur einen kleinen Teil eingenommen, das schlechte Wetter hat uns ein wenig „verjagt“ – außerdem wollen wir endlich nach Kolumbien, unserem letzten Reiseland auf dem südamerikanischen Kontinent…