„Meine Generation hat nicht einen Tag im Frieden gelebt. Ich träume davon, dass meine Kinder und die Kinder aller Kolumbianer die Möglichkeit haben, Frieden zu erleben.“   (Juan Manuel Santos 2013 vor den Vereinten Nationen, Die Zeit)


Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos erhält 2016 den Friedensnobelpreis. Mehr als 50 Jahre dauerte der bewaffnete Konflikt zwischen Regierung, Paramilitär und Guerilla-Gruppen an, mehr als 200.000 Menschen haben ihr Leben gelassen, Millionen von Kolumbianern sind aus ihrer Heimat vertrieben worden. Die Guerilla-Gruppierungen kämpfen gegen soziale Ungerechtigkeit und Armut, die rechtsextremen Paramilitärs halten dagegen. Die kolumbianische Regierung ist in weiten Landesteilen machtlos, noch heute werden viele Regionen von Guerilleros oder Paramilitärs kontrolliert. Im Juni 2016 beschließen die kolumbianische Regierung und die FARC, die größte und aktivste Guerilla-Gruppierung, nach jahrelangen Verhandlungen den endgültigen Waffenstillstand. Die geschätzten verbliebenen 7000 Kämpfer der linksgerichteten FARC sollen ihre Camps in den Bergen und im Dschungel verlassen, ihre Waffen niederlegen und in die Gesellschaft reintegriert werden. Im Gegenzug sieht das Abkommen eine Amnestie für die Kämpfer vor – Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Massaker und Vergewaltigungen ausgeschlossen. Mit der ELN, einer weiteren Guerilla-Bewegung, beginnen aktuell ähnliche Verhandlungen.

Finanziert werden und wurden diese Gruppierungen jahrzehntelang durch das Drogengeschäft, Entführungen und Lösegeldforderungen. Das Kokaingeschäft zählt leider, wenn auch illegal, zu den ertragreichsten Wirtschaftszweigen des Landes. Kontrolliert durch Guerillas und Paramilitär, sind unzählige Bauern vom ertragreichen Koka-Anbau abhängig. Versteckte Labors im Dschungel, U-Boote, die Kokain in den weit verzweigten Sumpfgebieten transportieren und Militäraktionen, die ganze „Drogenfabriken“ aufspüren und sprengen – klingt nach gutem Filmmaterial, ist aber leider Realität. 1999 wurde das Programm „Plan Colombia“, der offizielle „Krieg gegen Drogen“ ins Leben gerufen. Die USA gewähren seitdem finanzielle, militärische und politische Hilfe, um den Drogenanbau einzudämmen: verstärkte Militäreinsätze und jahrelange Versprühung von Herbiziden über den Kokaplantagen (die 2015 wegen gesundheitsschädlicher Wirkung eingestellt wurden) sowie Unterstützung für Koka-Bauern, die auf legale Landwirtschaft umstellen. Und trotzdem scheint der Koka-Anbau sich noch nicht so recht einschüchtern zu lassen, die Schmuggeltechniken werden immer ausgefeilter und vor allem die Nachfrage boomt.


Obwohl ich weiter recherchiere und über die immer noch andauernden blutigen Konflikte lese, fühle ich mich nicht weniger sicher. Seit wir die Grenze passiert haben, erleben wir eine sehr gut ausgebaute Infrastruktur, offene Menschen, durchorganisierte Sehenswürdigkeiten, modernste Städte. Die Tourismusförderung scheint in der Zeit des Bürgerkriegs nicht gestoppt zu haben. Die Menschen mögen Touristen. Sie freuen sich und fragen uns Löcher in den Bauch. Die Militärkontrollen, immer mit den Fingern auf dem Abzug ihrer Maschinengewehre, sind jedes Mal recht nett. Wir werden oft angehalten und gleich gewarnt, wenn es eine kürzere Strecke gibt oder die Straße aus Sicherheitsgründen nicht empfehlenswert ist. Es juckt uns schon immer, zu fragen, ob wir nicht mal ein nettes Gruppenfoto schießen können.

Die Grenzformalitäten an der ecuadorianisch-kolumbianischen Grenze erledigen wir spät, bei Dunkelheit. Tagsüber soll es hier lange Warteschlangen geben, daher versuchen wir’s um 22 Uhr. Und es klappt, nach nur 2 Stunden haben wir alles erledigt und tuckern in unser letztes Reiseland auf südamerikanischem Boden. Venezuela fällt weg, dank der grandiosen politischen Leistungen seines Diktators Maduro. Über kurvige Bergpässe und wolkenverhangene Wälder fahren wir nach Norden, immer unter einer großen, schwarzen Regenwolke. Viele Berge und Regionen können wir nicht einmal erahnen, uns scheint das Regenwetter aus Ecuador weiter zu verfolgen. Die Laguna Verde des Vulkans Azufral hellt da die graue Umgebung mit ihrem grellgrünen Wasser auf.

Über das „Trampolin de la Muerte“, Kolumbiens wunderschöne „Death Road“, gelangen wir nach Mocoa, der Gemeinde, die nun von der verheerenden Schlammlawine heimgesucht wurde. Da hatten wir riesiges Glück, nicht zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Das gleiche gilt natürlich für Peru.

Irgendwie fehlt uns noch das gewisse „Aah“ und „Ooh“, während wir an mystischen Steinfratzen (San Agustin) und der Mini-Wüste Tatacoa Halt machen. Vielleicht ist es das immerschlechte Wetter, der kolumbianische Funke mag jedenfalls noch nicht so ganz zu uns herüberspringen. Die Sympathie der Menschen dagegen macht einiges wieder wett. Die Gastfreundlichkeit und Offenheit begeistert uns schon seit Beginn der Reise durch Südamerika, die Kolumbianer toppen das Ganze aber noch. Hier sind alle dermaßen offen und gut gelaunt, jeder hat einen Scherz auf Lager – wir fühlen uns sehr wohl.

In der Kaffeeregion Kolumbiens decken wir uns mit Kaffee ein, verbringen nette Abende mit Simone, Stefan und Pancho und rauschen an den berühmten Wachspalmen, der Nationalpflanze Kolumbiens, vorbei nach Medellin. Die Stadt galt lange als „Drogenmoloch“ und „Mordhauptstadt der Welt“, Pablo Escobar und sein Medellin-Kartell regierte von hier aus einen Großteil des weltweiten Drogenhandels. Heute ist sie ein Mix, die Stadt der Schönen und Reichen und der Künstler einerseits, und der kleinen Drogenbarone und Armenviertel andererseits. Für uns ist die Stadt vor allem eins: grau. Und ein schwarzes Loch in Sachen Verkehr. Wir brauchen allein 2 Stunden, um vom Stadtrand ins Zentrum zu gelangen. Und es regnet immer noch. Also raus aus der Stadt, wir eilen zur Seenlandschaft ins bunte Guatapé und zum berühmten Monolithen „La Piedra del Peñol“. Über 700 Stufen führen auf den markanten Felsen, der von oben eine spektakuläre Rundsicht bietet. Angeblich – denn wir kommen mal wieder im total bewölkten und total überbevölkerten Örtchen an (es ist Feiertag), wir sehen wenig vom Felsen und wenig vom See um uns herum, dafür umso mehr Menschen und Fressbuden. Und so sparen wir uns den Aufstieg und kehren schnurstracks wieder um. Wir stoppen noch für einen ruhigen Badeaufenthalt am Rio Claro und machen uns dann auf Richtung Bogotá.

Wir hören von unseren altbekannten Australiern Hayley und Danny, dass sie außerhalb von Bogotá in einer Offroad-Werkstatt gelandet sind. Wir wollen uns wieder treffen und ein Revival von „Riding the Bus“  (Wiki) feiern. Außerdem haben wir hier etwas Hoffnung, unsere kaputte Gasdruckfeder reparieren zu können. Ach, haben wir noch gar nicht erwähnt? Manchmal geht das in unserer Defekt-Liste einfach unter, sorry… Also: Noch in Peru, nach Wieder-Ankunft beim Bus, hat die Gasdruckfeder ihren Dienst quittiert. Deren Zweck ist es, das Dach beim Aufstellen zu unterstützen und beim Ablassen abzufedern. Jetzt heißt es tägliches Bodybuildingtraining und extrem vorsichtiges Zusammenfalten des Dachs – bis wir eine neue Lösung finden, denn die Feder ist selbstverständlich Sonderanfertigung, normalerweise nicht reparierbar und schon gar nicht hier aufzutreiben.

Doch Probleme relativieren sich ja auch gerne. Auf der Fahrt nach Bogotá fängt das schon an. Der Bus mag seinen vierten Gang wohl nicht mehr. Den schafft er nämlich gar nicht, wir nehmen die Steigungen auf der Schnellstraße mit dem 1. Gang, von Beschleunigung spüren wir nicht viel. Liegt’s an der Straße? An der Höhe? Wir kucken uns genervt an, da stimmt wohl mal wieder was nicht. Vielleicht sollten wir mal den Dieselfilter reinigen. Mal durchchecken.

Angekommen bei den Aussies und der wahnsinnig netten Werkstatt-Familie parken wir in deren Hof und freuen uns bei Bierchen und Rum über unser Wiedersehen. Und da parken wir heute noch. Nur eben nicht wegen der Gasdruckfeder. Jedes Mal, wenn wir den Motor anmachen, springt er schlechter an. Ab zur Kompressionsmessung. Jeder der vier Zylinder hat noch 9 bar Kompression. Normal wären 30 bar, ab 18 sollte man sich Gedanken machen. Der Mess-Spezialist wundert sich, dass wir überhaupt noch fahren. Keine andere Wahl, Tobi lässt seine Mechaniker-Skills walten und der Motor wird zerlegt. Wir sind heilfroh, dass wir dafür hier gelandet sind, der Workshop „40’s Garage“ von Vater und Sohn baut Landcruiser aus und um, veranstaltet Offroad-Kurse und hat Ideen und Ansprechpartner für technische Probleme jeder Art vor Ort. Tobi macht alles selbst und der Motorspezialisten-Onkel nebenan hilft an den trickigen Stellen. Schrauberkurs mit Familienanschluss in Kolumbien – wenn die Karre dann wieder fährt, buchen wir das gerne unter „positiv“ ab. Wenn nicht, buchen wir das ebenfalls unter „positiv“ ab, dann sehen wir euch zuhause nämlich schneller wieder als erwartet…!