Wir sitzen mal wieder fest. Der Motor springt schlecht an und pustet farbenfrohen Cafe Latte mit beißendem Geruch hinten raus. Keine Power, Kompression viel zu niedrig, verbrennt nicht richtig, läuft total unruhig. Immerhin wirft uns der Bus in solchen Situationen immer bei netten Menschen (40’s Garage) ab, die uns offen aufnehmen und helfen, wo sie können. Wir leben in ihrem Vorgarten, grillen zusammen und dürfen sogar bei einem ihrer Offroad-Fahrschulen teilnehmen – leider eben nicht mit unserem Bus. Die ebenfalls vom Auto geplagten Australier Hayley und Danny leisten uns noch ein wenig Gesellschaft und wir ertrinken unser gemeinsames Leid beim kolumbianischen National-Trinkspiel Tejo (Wiki).

Zum zweiten Mal zerlegen wir also, diesmal in Chia nahe Bogotá, den Motor und hoffen, kein Santiago Teil II zu erleben. Ergebnis: nicht eindeutig, wie immer. Aber die Ventilschaftführungen sind wohl hinüber, ebenso die Kolbenringe. Schon wieder. Was anderes können wir nicht finden. Ob das wirklich der Grund ist? Vielleicht hat der Kopf ja doch irgendwo einen kleinen Riss, den wir übersehen haben? Das wäre dann sowieso das Ende der Reise. Keiner ist sich sicher, woran es wirklich liegen könnte. Tobi räkelt sich bei Dauerregen im Matsch unter und über dem Motor. Dieses Mal haben wir irgendwie keine Lust mehr. Seit der Rückkehr nach Peru haben wir ständig neue Probleme, ob’s die Inneneinrichtung oder der Motor ist, es hapert an allen Ecken und Enden, täglich geht irgendetwas anderes kaputt und fordert unsere liebevolle Instandhaltung. Hier in Chia gibt nun auch noch der Kühlschrank seinen Geist auf, als hätte er sich mit dem Motor abgesprochen. Was tun?

Eine letzte Chance kriegt der Bus noch. Die passenden Kolbenringe und Zylinderkopfschrauben gibt’s hier nicht, also bestellen wir wieder ein paar Sachen in Deutschland. Nach ein wenig Ärger mit der kolumbianischen DHL (Das Wort „Express“ ist im kolumbianischen Wortschatz wirklich sehr schwierig zu finden) ist das Paket nach ein paar Tagen da, mit Expressversand und fast 100 % Importsteuer waren das diesmal sehr teure Ersatzteile… Eingebaut freuen wir uns schon auf’s erste Anlassen, die halbe Familie steht gespannt um den Bus herum. Und da ist es auch schon wieder, das bunte Gequalme und das Ruckeln, fast wie vorher. Alles umsonst? Wir machen eine Testfahrt, immerhin springt er gut an und bewegt sich – von Power jedoch keine Spur. Wir sind frustriert. Hat’s der Motor doch langsam schon hinter sich? Die Kompression wird nochmal gemessen, diesmal ist’s tatsächlich etwas mehr, jedoch immer noch weit unter der Verschleißgrenze. Das war’s dann. Weit wird uns dieses Auto nicht mehr bringen. Wir sind am Ende unserer Reise angekommen. Wir versuchen, es positiv zu sehen. Immerhin haben wir es durch Südamerika geschafft! Der Bus hat uns durch holprige Pisten gebracht, durch das Hochland und die Wüste, wir haben es geliebt, in ihm zu leben – und schon kommen mir beim Gedanken an den Abbruch die Tränen. Was für eine Dreckskarre!

Tobi überprüft noch frustriert ein paar letzte Punkte („Jetzt kommt’s auf ein paar Tage auch nicht mehr an!“) und stellt fest, dass das Ventilspiel gar nicht richtig eingestellt ist. Wurde eigentlich schon eingestellt, dachten wir zumindest… Schon sitzen wir wieder bei Mr. Google und lesen über „zu wenig Kompression bei falschem Ventilspiel“ – ist das die Lösung? Jetzt nur nicht zu euphorisch werden! Es ist Ostern, und so kostet es uns nochmal 5 Tage, bis wir die passenden Ventilscheiben in den Händen halten, die zur Einstellung nötig sind. Wieder ist da ein kleiner Hoffnungsschimmer und vor allem Nervosität, als wir dann den Motor nachher nochmal anlassen. Aber nein, puff, die Hoffnungsblase platzt schneller als wir denken können, er qualmt und ruckelt genauso wie zuvor. Wir packen zusammen, verabschieden uns traurig von unseren neugewonnenen Freunden und wollen – wenn der Bus noch so will – schnurstracks nach Cartagena fahren. Dort werden wir ein paar Tage mit den Schweizern Miri und Thomas verbringen, um uns dann endgültig zu verabschieden und den Bus in einen Container nach Deutschland zu packen. Punkt.

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Als wir dann aufbrechen, sitzen wir eigentlich relativ erleichtert im Bus, wir freuen uns auf zuhause! Nach den ersten Steigungen außerhalb von Bogota sehen wir uns unsicher an. Nach ein paar Kilometern lässt Tobi immer wieder verlauten: „Der fährt schon…!“ Nach ein paar weiteren Kilometern: „Der fährt nicht schlecht…!“ Und nach 100 km beschließen wir: „Ja, der fährt so gut wie lange nicht!“ Wir sehen kein einziges Mal mehr weiß-bläulichen Rauch im Rückspiegel, der Bus beschleunigt gut, wir benutzen den vierten Gang so oft wie schon lange nicht mehr. Wir streiten uns fast um das Lenkrad, es macht endlich mal wieder richtig Spaß, den Motor zu treten. Nach 1000 km kommen wir in Cartagena an. Der Bus hat fast kein Öl verbraucht, der Dieselverbrauch ist normal. Keine Überhitzungsprobleme, er hat ordentlich Power – irgendjemand veräppelt uns da doch??? Wir waren wohl doch zu voreilig, manchmal brauchen ältere Herren für Neuteile eben ein wenig Eingewöhnungszeit… Und jetzt? Ab nach Panama, oder…???


PS: Hier noch unsere Eindrücke aus Bogotá – der „Stadt, die Leben gibt“. Die Straßenecken sind übersät von eindrucksvollen Graffitis. Wir sind beeindruckt von der Vielzahl und der Kunst, die dahinter steckt. Ob mit indigenem Hintergrund oder mit Bezug auf den grausamen Bürgerkrieg, die Bilder sprechen Geschichte für die Hauptstadt Kolumbiens. Wir werden vor Vierteln gewarnt, die wir lieber nicht betreten sollen, wir sehen zerfallene Gassen, in denen Müll vor sich hin rottet. Auf der anderen Seite die modernen Wolkenkratzer, die aufgeräumte Plaza de Bolívar und der glänzende Regierungssitz. Dazwischen die Künstlerviertel mit ihren bunten Coffeeshops. Geplagt von Guerilla- und Paramilitäranschlägen hat die Stadt heute einen sehr eigenen Charakter. Wir können ihn schlecht beschreiben, aber irgendwie gefällt uns die Stadt. Trotz ihres verruchten, grauen, drogensüchtigen Images fühlen wir uns wohl in der 7-Millionen-Metropole – zumindest tagsüber!

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