Da fährt man ein paar Wochen weiter und schon ist der Blog drei ganze Länder hinterher! Stressig, dieses Mittelamerika… Also, jetzt geht’s um Nicaragua. Und das gleich in zwei Teilen, hier gibt es nämlich einiges zu erzählen! Es ist eines der Länder, in die wir gerne nochmal zurückkehren würden.
Schon die Einreise läuft super, wir hören nervtötende Berichte von anderen Reisenden, die einen halben Tag für Immigrations- und Zollformalitäten benötigt haben. Nein, da haben wir schon mal Glück, alles läuft glatt und wir stellen hiermit einen Speed-Rekord für zwei Fahrzeuge an der Grenze Peñas Blancas in 1 Stunde 45 Minuten auf. Der erste Supermarktbesuch stimmt uns auch selig, alles ist nämlich wieder billiger, keine Costa-Rica-Preise mehr, und die Autowäsche mit gratis Wifi für 1,50 Euro zaubert uns allen noch mal ein fettes Lächeln ins Gesicht.
Schnurstracks machen wir uns auf zum größten Binnensee Mittelamerikas, dem Lago Nicaragua. Die Isla Ometepe ist unser Ziel. Zwei Vulkane, durch einen Isthmus verbunden, bilden diese faszinierende Insel. Neben fruchtbaren Böden, grünen Wanderpfaden und Wasserfällen gibt es hier noch etwas, was uns brennend interessiert: Wind! Die Ost-Küste der Insel ist ein bekannter Kite-Spot. Der Strand und die Brandung am riesigen See hinterlassen fast den Eindruck, man wäre am Meer. Und ein wenig mulmig wird’s uns schon, im See gibt es nämlich eine furchterregende Rarität: Bullenhaie. Die laut Internet aggressiven Allesfresser haben sich an das Süßwasser angepasst und können sehr gut im Flachwasser jagen, perfekte Schwimmer-und-Surfer-Jäger sozusagen. Schon lange hat man angeblich keinen der Haie mehr gesichtet, die Population im See ist stark zurückgegangen. Aah, na dann. Die Hai-Statistik haben wir trotzdem mal gecheckt, da gibt es ja heutzutage recht genaue Online-Archive: der letzte Hai-Angriff fand demnach 1944 auf Badende statt. Kein Grund zur Sorge also. Naja, das mit der Statistik kann man jetzt so oder so sehen, vielleicht ist’s auch einfach mal wieder Zeit…
Schlussendlich lassen wir uns dadurch dann aber doch nicht beirren, die Insel gefällt uns super und wir haben auch ein klein wenig Glück mit dem Wind, es gibt Mädchen-12-Quadratmeter-Brise!

Das Land Nicaragua ist im Aufschwung. Jahrzehntelang lebt die breite Bevölkerung ab 1937 unter Diktator Somoza und seinem Sprössling in bitterster Armut und Unterdrückung, in einem Gewalt-Regime vom Feinsten. Der Diktator schafft es, mit Unterstützung der USA (!) sich selbst reich und das Land arm zu machen. Irgendwie ist die Geschichte immer ähnlich. Liberale Rebellen wollen das Land befreien. Eine breite Opposition, angeführt von den sog. Sandinisten, versucht es zunächst auf Verhandlungsbasis, aufgrund der Aussichtslosigkeit dann auf gewaltsame Weise. Entführungen, Massaker und Bombardements zwischen Regime und Guerillagruppen, Paramilitärs und Bevölkerung – als die Sandinistische Befreiungsfront 1979 dann endlich als Sieger aus dem Krieg hervorgeht, liegt das Land ziemlich brach. Fehlende Gesundheitsversorgung, Analphabetismus, Obdachlosigkeit, Armut, damit hat die Revolutionsregierung erst einmal zu kämpfen. Die USA versucht, ihren früheren Einfluss durch finanzielle Hilfen zurückzugewinnen, die Beziehungen zwischen der sandinistischen, liberalen Führung und der US-Regierung verschlechtern sich jedoch zunehmend. Stattdessen baut Nicaragua auf sowjetische und kubanische Hilfe, was den Vereinigten Staaten wiederum nicht gefällt. Die nicaraguanische Wirtschaft kommt auch nicht so richtig in Schwung, viele enttäuschte Bürger und ehemalige Anhänger des Somoza-Regimes werden unruhig. Sie mobilisieren sich als sog. Contra-Kämpfer, und da ist er, der nächste Krieg gegen die Regierung, finanziert von den USA und international bekannt als der sog. Contra-Krieg. Das Geld kommt unter anderem aus dem Iran, die CIA verkauft unter Ronald Reagan Waffen an den Iran, der Verdienst dafür geht an die rechten Contras. Praktisch, oder? Nicaragua rüstet ebenso auf, und weiter geht die Show. Ein US-Handelsembargo gegen Nicaragua schadet der Wirtschaft weiter, und sie will nicht aufhören, die Unruhe. Die Geschichten der zentralamerikanischen Länder sind stark an die USA geknüpft, ihre Finger haben sie schon immer überall mit drin, so scheint es… Erst ein Friedensvertrag, angestoßen von Costa Ricas damaligem Präsident Sanchez, bringt ab 1987 wieder etwas Ruhe in das Land. Und nach einigem Hin und Her scheint Präsident Ortega seit 2007 nun „viel Gutes für Nicaragua“ geschafft zu haben, wie uns viele Einheimische stolz berichten.

Für uns ist Nicaragua definitiv eines der bisherigen Lieblingsländer. Die Menschen freuen sich ehrlich über uns Touristen, wir fühlen uns ziemlich sicher und die einheimischen Attraktionen sind noch unberührt und nicht überlaufen. Alles ist „tranquillo“, auch die Wachmänner, die vor jedem Laden, an jeder Tankstelle stehen, immer mit dem Finger an der Waffe. Ungewohntes Bild für uns, aber man gewöhnt sich ja an alles. An Waffen, Bohnen, Reis und vor allem an Maistortillas. Hier beginnt sie nämlich jetzt, die Überflutung mit Mais und Bohnen! Gut für mich, Weizen oder andere Getreide gehören nämlich überhaupt nicht rein, in die traditionelle Tortilla. Und die gibt es wirklich an jedem Eck. Immer in der gleichen Art, ohne Variationen. Genauso die Bohnen. Zum Frühstück gibt es Reis mit Bohnenmus zum Ei in der Tortilla, mittags gibt es das Bohnenmus getrennt zum Spiegelei und dem Reis serviert, das sättigt nämlich mehr. Und abends gibt es manchmal auch Nudeln oder Kartoffeln, daneben ein obligatorischer Klecks Bohnenbrei und eine klitzekleine Tortilla – sonst fehlt ja irgendwie etwas, erzählen uns die „Nicos“. Unfassbar! Lecker, aber ganz ehrlich – unfassbar!!!

Wir stoppen im bunten, kolonialen Granada für ein paar Cocktails und machen uns dann gemeinsam mit Miri und Thomas auf zum spuckenden Masaya. Einem der aktivsten Vulkane Nicaraguas kann man hier direkt in den „Mund“ sehen. In einer Fahrzeugkolonne düsen wir bei Dunkelheit mit dem Bus direkt bis an den Kraterrand. Dieser Eintritt in den Nationalpark ist streng geregelt, es dürfen zum gleichen Zeitpunkt nur 15 Fahrzeuge für jeweils 15 Minuten am spuckenden Vulkan stehen, länger sollte man die gefährlichen Gase nicht einatmen. Außer man bezahlt nochmals 40 Dollar extra. Dann ist das mit den Gasen nämlich gar nicht mehr so bedenklich. Ein offizieller Parkwächter bietet unserer kleinen Reisegruppe an, uns auf die andere Seite des Kraters zu führen, dann könne man die brodelnde Lava nämlich noch besser sehen. Klar, warum nicht!? Wir vereinbaren einen unauffälligen Treffpunkt und er stapft mit uns weg von den Besuchergruppen. Nur zehn Minuten stehen wir dann fasziniert auf der anderen Seite – und es hat sich gelohnt! Die blubbernde Masse zieht uns in ihren Bann, wow!

Aus dem Funkgerät des Guides hören wir immer wieder Bruchstücke von „da stehen verlassene Wohnmobile“ und „da fehlen doch Leute“. Ok, wir sollten wieder zurück. Offiziell hätten wir uns verlaufen, erzählt uns der Parkwächter. Sonst kriegt er nämlich mächtig Ärger. Und so fühlen wir uns ziemlich abenteuerlich, nach unserem „Off-the-beaten-track“-Trip, steigen tief befriedigt in unsere Autos und düsen schnell nach unten. Nicaragua, du gefällst uns…