300 000 steht da auf der Uhr! Wuhuu, Glückwunsch, Bus! Von den Motoren im T3 darf man da natürlich nicht so viel erwarten, aber die Karosse, die hat’s gemacht. Wir fahren rechts ran und filmen die Kilometeruhr, als sie umspringt. Zeit, um ein wenig zu reflektieren. 70000 km sind wir auf unserem Trip bisher gefahren. Wo war’s am schönsten? Schwierig. Wir würden sofort wieder ins bolivianische Hochland fahren, in die Atacama-Wüste oder den chilenischen Süden. Und nach Argentinien, weil da einfach kilometerweit nichts ist, rein gar nichts. Und die Baja California, die gefällt uns gerade schon auch sehr gut. Und wir sind gespannt, was da noch so auf uns zukommt. Die USA, in der Familie und Freunde auf uns warten, die Nationalparks, die noch ungeplante Heimreise… und dann das Zuhause, die Arbeit – wie das wohl alles so weitergehen wird? Naja, hat ja noch ein wenig Zeit. Jetzt biegen wir erst mal vom asphaltierten Highway ab auf eine Sandpiste. Wir vermissen sie ein wenig, die „Dirt Roads“ aus dem Süden, auf denen man tagelang keinen Gegenverkehr hatte. Hier sind wir auch wieder prompt allein. Die Kakteen und die seltsamen Stengel-Pflanzen sehen skurril aus. Die Straße führt zur Mission San Francisco de Borja Adac. Die Jesuiten-Mission wurde 1762 errichtet, mitten in der Pampa. Heute lebt eine 7-köpfige Familie dort und pflegt das Areal. Ein paar Mangos und Granatäpfel wachsen hier, ansonsten findet sich in 50 Kilometern Umkreis nichts Bemerkenswertes. Ach ja, ein paar Quellen gibt es, genauer gesagt heiße Quellen. Die lassen wir heute aus. Bei 40 Grad Außentemperatur vielleicht gar kein Fehler. Das Paar, das uns durch die Kirche führt, ist seit ein paar Monaten vermählt. Deswegen haben sie bei ihrer Missionstour auch wenig Zeit, die beiden können kaum die Hände voneinander lassen. Während kontinuierlich eine Hand unter den Klamotten des anderen verschwindet, lassen sie uns ein paar Infos zukommen wie „da war mal die Küche“ oder „das ist ein Kreuz“. Und das in einer katholischen Kirche, ei ei ei… Draußen schenken sie uns noch ein paar Granatäpfel und fragen, wie lange wir schon verheiratet wären. Gar nicht? Obwohl wir schon so alt sind! Hmm… und Kinder gibt’s dann wohl auch noch keine? Zuerst Reisen, ah ja, klar… Komische Gringos!

Wir kreuzen nochmal quer durch die Baja auf die Golfseite, an die warme, windstille Küste. In der Bahía de Los Ángeles stoßen wir wieder auf das wunderschöne, klare Wasser und stehen ein paar Tage am Kiesstrand der Punta Gringa. Außerdem buchen wir eine Bootstour, wir wollen’s nochmal mit den größten Fischen der Welt aufnehmen, den Walhaien. Die Tour beginnt schon grandios, wir und ein weiteres Pärchen sind nämlich die einzigen Touris auf dem Wasser, wir sehen weit und breit kein anderes Boot. Das Wasser ist spiegelglatt, und schon kurz nach dem Start staunen wir über Rochen, springende Fische und zahlreiche Delphine. Wir dürfen mit verspielten Seelöwen planschen, die nur zu gern näher kommen würden. Aber ihr Hordenboss schwimmt ziemlich eindrucksvoll vor ihnen auf und ab, obwohl er selbst ja nur neugierig ist, wer da mit bunten Flossen und Kamera bewaffnet unbeholfen vor ihnen umherpaddelt. Und zu guter Letzt entdecken wir Walhaie, erstaunlicherweise gar nicht weit vom Strand entfernt. Mit offenem Mund gleiten sie durch das Wasser und saugen es an, um Plankton herauszufiltern. Wir hüpfen in ihre Richtung ins Wasser und schwimmen mit Höchstleistung, um ihnen folgen zu können. Aber diese wunderschönen Tiere sind einfach schneller! Doch wir geben nicht auf! Im Vergleich zur Isla Holbox sind wir hier völlig allein mit den Tieren im Meer und genießen das ausgiebig. Für den Foto-Award reicht das immer noch nicht, aber das ist egal, unser Live-Bild im Kopf ist dafür um so schärfer…

Die können fliegen, die Kaktusse! Kakteen. Wie auch immer. Wir befinden uns auf einer Sand-Buckelpiste, die links und rechts von schroffen Büschen, stacheligen Bäumen und Kakteen gesäumt ist. Multitasking-Autofahren ist für weibliche Steuermänner ja bekanntlich nicht so einfach, ich hänge daher hochkonzentriert hinter dem Steuer, um sanft über die Buckel zu fahren und gleichzeitig noch den angriffslustigen Pflanzen auszuweichen. Äußerungen wie „die Spiegel, die gibt’s hier fai nicht zu kaufen“ oder tiefluftholende Stöhngeräusche tragen da nicht gerade zur Motivation bei. Den Spitzenkommentar „Deine Fahrweise macht mich psychisch und physisch fertig“ hab ich mir dann aber wohl verdient: dem Stachelast links kann ich gekonnt ausweichen, dafür muss ich aber den Kaktus rechts rammen. Der schlägt prompt zurück und schießt einen Kaktussprössling durch’s offene Fenster. Die hässlichen Widerhaken bleiben im Fußraum des Autos stecken – und in Tobi’s Bauch. Noch vier Wochen später zieht er sich jetzt kleine Häkchen aus Bauch und Armen heraus, was für Fieslinge!!! Again what learned: durch Kakteenfelder sollte man nur mit geschlossenen Fenstern fahren. (Was sollt ich auch sonst daraus lernen…?)

Wir kreuzen wieder zurück, an die Westküste der Baja. In San Carlos soll es eine schöne Küste mit Kitespot geben. Schon die Piste dorthin lohnt die Fahrt, durch sandige Wüste führt sie und wir treffen Rehe, einen Luchs und zahlreiche Hasen. In Punta San Carlos treffen wir noch weitere Exoten, deutsche, französische und natürlich nordamerikanische Camper, alle stehen sie an „ihrem“ Stammplatz, seit Wochen, Monaten oder Jahren, direkt an der Steilküste. Alle sind sie Surfer, mit Kite oder Windsegel, und zehn Minuten später schwingt sich auch Tobi auf’s Wasser. Ich nicht, mein Punkte-Plan, der erfüllt sein muss, um mich auf’s Wasser zu bewegen, ist mit „saukalt“, „Welle“ und „schwierige Startbedingungen (Kite auf Steilküste, ich unten)“ schon überstimmt. Hier bleiben wir nur für einen Abend, die Wettervorhersage verheißt nämlich nichts Gutes. Ein Sturm auf der Baja, evtl. mit Hurrikanstärke, wird für den nächsten Tag erwartet, und San Carlos liegt im Randgebiet. Daher rechnen die „Bewohner“ zumindest mit ziemlich viel Regen, und der würde die 60 Kilometer lange Zufahrtsstraße unpassierbar machen. Wir wären für einige Tage gezwungen, im Ort zu bleiben, deswegen machen wir uns gleich morgens auf den Rückweg Außer ein wenig starkem Wind und Nieselregen bekommen wir noch nichts mit, wir fahren mal wieder dem schlechten Wetter davon.

Die Tage sind gezählt! Zumindest die lateinamerikanischen, denn wir düsen auf die Grenze zu. Ein paar Stunden verbringen wir noch im Internet, wir versuchen nämlich schon seit Wochen, eine US-Haftpflichtversicherung für den Bus zu bekommen. Die ist zwar gesetzlich verpflichtend, aber gesetzlich genauso unmöglich: seit Frühjahr 2017 können Fahrzeuge wie unseres nicht mehr versichert werden, viele Versicherungsunternehmen lehnen uns ab, weil das Fahrzeug älter als 19 Jahre ist oder eben einfach, weil es ein ausländisches Fahrzeug ist. Eine wirkliche Erklärung gibt es nicht, eine Gesetzesänderung, für die es noch keine Lösung gibt, das erzählen uns alle. Wir sind unsicher – sollen wir vor Ort eine Versicherung suchen? Ohne eine einzureisen, das wär ja schon strafbar. Und wir sind ja dann wieder in der Zivilisation, der kontrollierende Polizist wird sich hier nicht mehr mit einem Scheinchen zufriedengeben – nicht, dass wir das je gemacht hätten, aber just in case! Nach weiteren Absagen wagen wir es dann doch, wir machen uns einfach auf zur Grenze. 14 Millionen Fahrzeuge und 40 Millionen Personen überqueren die Grenze in Tijuana jährlich, das wollen wir uns nicht antun. Daher wählen wir den nächstgelegenen Grenzübergang in Tecate. Wir folgen dem Schild Richtung Grenze und finden uns in einer langen Schlange aus Fahrzeugen wieder. Als wir am Beginn der Menge ankommen, ahnen wir es schon: wir sind falsch. Erst stempelt man sich ja aus dem letzten Land aus, dann reist man ins neue ein. Die mexikanischen Behörden haben wir jetzt aber irgendwie verpasst. Wir sind schon im Einreisezyklus der USA, ohne Platz, umzukehren. Nachdem wir dem Grenzbeamten erklären, dass West- und Ostdeutschland mittlerweile vereinigt sind, erkennt er unser Problem und schleust uns dennoch durch. Wir sollen jetzt erst mal hier einreisen. Danach parken wir den Bus auf US-Seite und wollen durch das Niemandsland zurück nach Mexiko laufen, um uns und die Zolldokumente auszustempeln. Schon wieder falsch, wir laufen mittendrin und werden sofort gestoppt. Immerhin noch nicht verhaftet oder gar erschossen! Die mexikanische Immigration gibt uns einen Ausreisestempel, der mexikanische Zoll beschließt dann aber, dass wir das Fahrzeug doch nochmal zeigen müssten. Zurück in die USA, durch die Kontrolle, die sich darüber wundert, dass wir laut System vor 20 Minuten schon einmal eingereist sind. Mit dem Bus fahren wir dann wieder nach Mexiko, diesmal personell eigentlich illegal, da wir ja schon in die USA ex-migriert sind. Hach, es ist aber auch kompliziert! Hier auf der mexikanischen Seite interessiert das zum Glück niemanden. Der Bus wird nochmal kontrolliert – mitten auf der Straße kriecht eine sympathische Zollbeamtin unter unser Auto, während wir darauf achten, dass sie nicht überfahren wird. Sie sucht die Chassis-Nummer, hat hier nämlich alles seine Ordnung. Schließlich entlässt sie uns und wir haben endlich alle Stempel, die wir brauchen. Nur, dass wir jetzt auf der falschen Seite stehen. Und so durchqueren wir wieder die halbe Stadt, um am Ende der Schlange zur US-Grenze anzukommen. Wir warten wieder. Natürlich war mittlerweile Schichtwechsel, und so erklären wir dem neuen Grenzbeamten wieder, warum wir nun schon das dritte Mal innerhalb von drei Stunden in die USA einreisen wollen. Zum Glück kennen uns schon ein paar seiner Kollegen, und wir dürfen dann doch noch relativ zügig die Grenze passieren…

Wir fahren schnurstracks nach San Diego, wo wir tatsächlich am nächsten Tag unser Versicherungsproblem lösen können. Es kostet den Versicherungsagenten unserer Wahl nur vier Stunden an der Telefonstrippe, bis er ein Unternehmen findet, das uns eine Haftpflichtpolice verkauft, noch dazu zu einem günstigen Preis. Es kann losgehen, wir stürzen uns nun in die letzte Station unseres Trips – die USA!